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13. Go West

Estremadura – Dieser klangvolle Name steht für eine noch relativ unbekannte, aber eine der schönsten Regionen Portugals, von rauem Klima und üppiger Vegetation bestimmt ist. Das im Aufbruch befindliche Anbaugebiet lässt immer mehr große Weine erwarten. Die Zukunft hat hier bereits begonnen.

Lissabon ist nie schöner, als vom Wasser aus! Das steht schon in alten Reiseberichten. Elegant schmiegt sich die "weiße Stadt" an die sieben Hügel, auf denen sie erbaut ist. Auf einem Hügel blitzt die wuchtige Kathedrale mit der romanischen Rosette hervor. Auf einem anderen hat sich das Castelo São Jorge postiert. Gut dreihundert Jahre bewohnten portugiesische Könige diese Burg, ehe Dom Manuel um 1500 sein Schloss unten am Tejo baute, um dem Wasser näher zu sein. Eine berufliche Entscheidung. Denn seine Hauptbeschäftigung war die Eroberung der Meere und sein Königreich reichte damals von Afrika über Asien bis nach Brasilien. Der Schlossplatz, wie er sich heute zeigt, wurde nach dem Erdbeben von 1755 angelegt: Hufeisenförmig von gelben Barockbauten und Arkaden umrahmt, zum Tejo hingewendet - und damit zur ganzen Welt.

Weiter zur Mündung hin liegen Lissabons schönste Bauwerke: das Jerónimo-Kloster, irdischer Dank für die Entdeckung des Seeweges nach Indien, und der Turm von Belém, ein Wachturm im Fluss, der heute Lissabons Wahrzeichen ist. Doch ich bleibe an dem schönen Platz mit dem Triumphbogen und gehe zur „Sala Ogival“, um zu sehen, welchem Wein die Ausstellung sich diesmal widmet: Estremadura, das passt zu meiner Reise.

Zur Estremadura, früher schlicht „Oeste“, Westen genannt, gehört der gut 140 Kilometer lange und 30 Kilometer breite Küstenstreifen nördlich von Lissabon, der acht DOC- und zwei IPR-Regionen mit mehr als 60.000 Hektar Rebfläche umfasst. So nah dran am Atlantik, bringt das Klima Frische und feine Säure in die Weine. Die Region war in der Vergangenheit als Lieferantin billiger, überwiegend weißer Weine bekannt, hat sich aber in den letzten Jahren als Qualitätssprinterin profiliert. Bucelas, Carcavelos, Colares und Lourinhã haben schon lange DOC-Würde. Óbidos, Alenquer, Arruda und Torres Vedras erhielten sie 1999. Viele ehrgeiziger Winzer haben in Rebanlagen und Kellertechnik investiert und die Qualität kontinuierlich verbessert. Im Westen viel Neues verspricht die Estremadura. Let’s go West.

Bucelas, Carcavelos und Colares liegen in der Nobelecke der Kapitale, in die sich Könige, Adel und Bourgeoisie früher zum Nichtstun zurückzogen. Sie ist nicht nur stolze Besitzerin eines Sand­bodens, dem schon die Reblaus nichts anhaben konnte, sondern auch einer stattlichen Zahl famoser Schlösser, Paläste, Villen und Parks. Zwischen Lissabons Szene-Stränden in Cascais, Queluz-Palast und Sintra-Burgen gedeihen Palmen, Baumriesen, Farne und Reben wie im Gewächshaus. Die weiße Arinto-Traube adelt Bucelas mit einem der elegantesten Weißweine Portugals. Carcavelos punktet mit seinem nussigen Dessert- und Aperitifwein. Und im Umfeld des Sintra-Gebirges – samt Schlössern und Parks Unesco-Weltkultur­erbe - sonnt sich die Ramisco-Traube, aus der die Adega Regional de Colares zu 90 Prozent den berühmten Colares-Rotwein herstellt.

„Die Trauben wachsen aus ungepfropften Reben, die in tiefen Sandlöchern verwurzelt sind“, sagt Francisco Figueiredo, der Önologe der Kooperative. Colares ist das letzte Paradies des aussterbenden Ramisco, des „Dünenweins“; er ist Spezialität und Rarität zugleich. Auf 15 Hektar Sandboden erzeugen die letzten sechzig Winzer jährlich gut 5.000 Liter, einen Wein mit kräftigen Tanninen und eigenwilliger Salznote. „Wegen des hohen Säureanteils eignet er sich hervorragend zur Fassreife“, erklärt Figueiredo die Preise. Dem Ramisco-Neuling rät er zum gereiften Wein mit Portwein-Aromen und dezenten Tanninen.

Ich folge dem Tejo in sein Schwemmgebiet. Das Weinbaugebiet Alenquer ist eines der Senkrechtstarter der Estremadura. Wie fast überall in der Estremadura sind weiße Sorten wie Arinto, Bical, Malvasia und Vital in der Überzahl, auch wenn Touriga Nacional, Tinta Roriz und Periquita sich langsam Terrain erobern. Das Meer im Blick, ganz Europa im Rücken, setzen immer mehr Weingüter auf vollmundige, lagerfähige Rotweine.

Auch auf der Quinta das Pancas hat sich das Kräftemessen zugunsten der Roten erheblich verschoben. Das hochmoderne Weingut, das seit fast 500 Jahren im Besitz der Guimarães-Familie ist, zählt zu den ersten, das in Portugal Cabernet Sauvignon pflanzten. Heute wächst die Traube auf 40 Prozent der 50 Hektar großen Rebfläche. „Wir produzieren, was Qualität bringt“, sagt die Önologin Ana Cristina de Noronha Varandas selbstbewusst über ihre tiefroten kraftvollen Spitzenweine. „Uns ist es egal, ob DOC auf dem Etikett steht oder Vinho Regional, nur weil wir gesetzliche Regularien nicht erfüllen.“ Lediglich fünf Prozent der Pancas-Weine tragen ein DOC-Etikett. Aber sie gehören zu den meist prämierten – in Portugal und weltweit.

Dem Rotwein hat sich auch José Bento dos Santos von der Quinta do Monte d’Oiro verschrieben. Obwohl er erst vor zehn Jahren unter die Winzer ging, ist er einer der berühmtesten Portugals. „Wir wollen portugiesische Weine machen, die es mit französischen Spitzenweinen aus der Côtes-du-Rhône und Côte-Rôtie aufnehmen können“, sagt Sohn Francisco Bento dos Santos so, als wäre auch ein Pétrus keine wirkliche Konkurrenz für ihn. „Wir haben die besten Syrah-Reben gekauft, diesen Boden hier, auf dem seit 200 Jahren Wein wächst, und gepflanzt.“ Dazu nahm er die portugiesischen Touriga Nacional, Touriga Francês und Tinta Roriz. Für die Eckpunkte des raschen Erfolges hält Santos rigorose Handarbeit, extreme Selektion, beste Trauben und beste Eiche – natürlich französische.

„Wo bitte geht’s nach Aldeia Galega de Merceana?“ Ich halte bei fast jedem, der mir auf der dünn besiedelten Strecke begegnet. Es ist mittags, die Bewohner fliehen die Hitze. Endlich finde ich die lange weiße Mauer, an deren Tor dezent „Quinta da Boavista“ steht. Das historische Weingut, das unter dem Namen Casa Santos Lima firmiert, ist dank der Leidenschaft von Winzer und Önologen zum Musterbetrieb aufgestiegen. Direktor Ricardo Jorge Pinto Correia legt Wert auf Sortenvielfalt. Auf den 160 Hektar Hügellagen wachsen neunzehn rote und neun weiße, und er scheut sich nicht, rebsortenreine Weine herzustellen. Überhaupt schwört Correia auf heimische Gewächse. „Sie sind der Trumpf, den wir gegenüber Frankreich und den Neue-Welt-Weinen in der Hand halten“, meint er, als wir die neue Ernte verkosten. Starke Fruchtaromen und viel Individualität stecken darin. „Es war ein gutes Jahr“, sagt er zufrieden.

Wieder an der Küste wechseln sich schroffe Steilküsten mit Strandbuchten, Dünen, Gebirgszügen, Feldern und Wäldern ab. Wie die Landschaft bieten die Weine auf kaum einer anderen Rebfläche Portugals Vielfalt und Abwechslung. Schon von weitem entpuppt sich Óbidos sofort als Lieblings­ort. Die vollständig erhaltene Befestigungsmauer hält den Ort in einer harten Umarmung. Sie bewährt sich auch heute bestens als Schutzwall – gegen Autos. In der Hochsaison kommen busweise Touristen, die erfahren wollen, wie man vor 500 Jahren hinter einer dreizehn Meter hohen Ringmauer gelebt hat, in labyrinthischen Gassen und weißgetünchten Häusern mit Blumenkübeln vor der Tür. Abends habe ich Óbidos ganz für mich allein.

Die Weinregion, der die mittelalterliche Burg auf dem Felsen den Namen gab, hat sich mit frischen, nach Limonen duftenden Weißweinen einen Ruf erworben. In Bombarral bei Sanguinhal, dem Tycoon von Óbidos, dem die Quinta Sanguinhal, Quinta das Cerejeiras und Quinta de São Francisco mit insgesamt 100 Hektar Rebfläche gehören, hat man sich auf die trendigen Roten eingestellt. „Bei uns wachsen demnächst zu 80 Prozent rote Stöcke“, freut sich Sanguinhal-Chef Carlos João Pereira da Fonseca, während er mit mir durch die neu gepflanzten Reihen geht. Alles Syrah, Alicante Bouschet, Caladoc und Chardonnay, die da in Reih und Glied stehen, obendrein völlig auf dem Boden des Gesetzes. Genau darin sieht er den Vorzug der jungen DOC-Kür: Die Kommission betrachtet „Ausländer“ nicht als qualitätsmindernd. Doch Fonseca reißt nicht nur weiße wie Fernão Pires, Seara Nova und die typische Estremadura-Rebe Rabo de Ovelha heraus, sondern auch rote: „Ich halte es für Nostalgie, an unseren gewiss guten Sorten festzuhalten, die im Ausland aber keiner kennt.“ Wer Erfolg wolle, müsse flexibel sein. Deshalb keltert Sanguinhal portugiesische Klassiker mit berühmten Franzosen, etwa Touriga Nacional mit Syrah und Aragonêz mit Cabernet Sauvignon, um sie besser vermitteln zu können.

Die Gegend von Alcobaça macht ihrem Namen „Obstgarten Portugals“ alle Ehre. Im Wechsel passiere ich Plantagen mit Äpfeln, Birnen, Melonen und natürlich Trauben. Die Zisterzienser besaßen hier einst riesige Ländereien, die sie fruchtbar machten. Der Weinbau lag fest in ihrer Hand. Möglich, dass die Mönchsagronomen in ihren Rebgärten schon autochthone Gewächse wie Periquita oder Tinta Amarela zogen; bis heute rühmt Portugal sich seiner etwa 300 einheimischen, teils extrem alten Sorten - ein echter Glücksfall für den neugierigen Weinfreund. Allerdings gehört der schwere Rote, den ich mittags in Alcobaça trinke, noch nicht zu den Glanzlichtern der Estremadura-Weine. Die IPR-Region wartet noch auf ihre DOC-Kür.

Als ich an der Küste ankomme, steht die Sonne schon tief über dem glitzernden Meer. Nazaré im Abendlicht, das ist pure Romantik. Der Fischerort hat sich als einer der volkstümlichsten eingeprägt. Doch kein Fischer sitzt heute mehr barfüßig zwischen bunten Booten im Sand und flickt Netze. Auch bei den Frauen bin ich mir unsicher, ob sie den gesalzenen Fang noch beruflich auf die Drahtgestelle legen oder dafür schon vom örtlichen Tourismusreferenten bezahlt werden. Sicher ist, dass das Bild unschlagbar pittoresk ist, aber auch, dass Zeiten sich ändern. Anstatt schwarz gekleidet inbrünstig zum Horizont zu starren, wie es Portugal-Fotos gern zeigen, hasten die Nazarenser mit Plastiktüten beladen vom Markt in die Restaurantküchen oder verkaufen an der Promenade Sonnenöl. Oben in Sítio, dem besten Aussichtspunkt auf Nazaré, warten geschäftstüchtige Fischweiber auf Kunden für Nüsse, Feigen und Datteln. Wahrscheinlich sind sie die letzten, die noch die typischen Röcke mit den spitzenbesetzten Unterröcken tragen – sieben, das bringt Glück. Und zwar wirklich. Denn sie verlangen für ihre gewässerten Lupinenkerne, tremoços, erfolgreich den fünffachen Preis. Im Sommer wird Touristen am Strand manchmal die Arte Xávega vorgeführt. Mit aller Macht stemmen sich dann wie früher die Ochsengespanne in den Sand, um die Fischerboote mühsam an dicken Tauen aus der Brandung zu ziehen. Ein archaisches Ereignis, das der Vergangenheit angehört, aber Träume wachrüttelt nach Stille, Langsamkeit und einem Wein mit viel Individualität.

Weinwelt

© Beate Schümann


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